Der Treibstoff guter Geschichten: Konflikte im Storytelling.

1. DAS PARKPLATZ DILEMMA. ODER WARUM STORYTELLING KONFLIKTE BRAUCHT.

Stell dir folgende Situation vor: Der Parkplatz eines großen Einkaufszentrums. Alle Parkplätze sind belegt bis auf einen. An der letzten Parklücke kommen zwei Autos gleichzeitig an. Beide Fahrer schauen zueinander hinüber. Was passiert als nächstes? Wird einer der beiden Fahrer dem anderen den Parkplatz überlassen? Oder kommt es zum Streit? Was wäre, wenn in einem der Wagen ein Profikiller sitzt, der in exakt sieben Minuten einen Auftrag auszuführen hat. Und in dem anderen Wagen eine schwangere Frau, die gerade auf dem Weg zu ihrem Therapeuten ist, um endlich ihre Wutausbrüche unter Kontrolle zu bekommen? Wie würde die Sache dann ausgehen?

Bei einem Inspirationsvortrag bei Zalando habe ich das Parkplatz-Dilemma genutzt, um zu zeigen, dass Geschichten Konflikte brauchen. Denn aus Konflikten entsteht Spannung. Geschichten in denen es keine Konflikte gibt, in denen Helden keine Hindernisse überwinden müssen, in denen nicht gekämpft, gestritten, geheult oder geschossen wird, sind vor allem eines: Langweilig.

Aber warum ist das so? Welche Konflikte gibt es in Geschichten eigentlich? Wie können Erzähler Konflikte strategisch einsetzen? Darum geht es in diesem Blogpost.

2. WAS IST EIGENTLICH EIN KONFLIKT?

Ein Konflikt entsteht immer dann, wenn jemand ein Ziel verfolgt, aber Schwierigkeiten hat, es zu erreichen. Es ist wie in dem Schaubild:

Schaubild Konflikt

A will zum Ziel B, dazwischen steht ein Hindernis.

Um in dem Beispiel von oben zu bleiben, A will den Parkplatz B, aber ein zweiter Fahrer verfolgt das gleiche Ziel. Beide Fahrer sind gezwungen, ihr Handeln an die neue Situation anzupassen. Sie müssen Entscheidungen treffen, deren Ergebnis unbekannt ist. Das Hindernis erzeugt Unsicherheit.

Es ist nicht sicher, ob A das Hindernis überwinden und sein Ziel erreichen kann. Dabei hat A wie in jedem Konflikt grundsätzlich drei Handlungsoptionen. Er kann angreifen. Er kann sich zurückziehen oder durch Verhandlung einen Kompromiss suchen. Aus jeder Handlungsentscheidung folgen Konsequenzen, die im Moment der Entscheidung nicht abzusehen sind. Es ist nicht klar, was als nächstes passieren wird. So erzeugt die Unsicherheit Spannung.

So unangenehm Unsicherheit im Alltag ist, so attraktiv ist sie in Geschichten. Ob im Kino, im Fernsehen, in Romanen oder beim Kaffeeklatsch im Büro, unser Gehirn scheint süchtig zu sein nach kleinen Konflikten und großen Dramen. Das macht evolutionär Sinn: Für unsere Vorfahren war Unsicherheit ein allgegenwärtiger Begleiter. Jede falsche Entscheidung konnte potentiell tödlich enden. Die Geschichten, die sie sich am Lagerfeuer erzählten, schufen einen sicheren Rahmen, um sich den Unsicherheiten des Lebens zu stellen. Wie in einem mentalen Simulator lassen sich in Geschichten lebensbedrohliche Konflikte und Lösungsmöglichkeiten durchspielen. Wer aus Geschichten gelernt hat, wie man einem Säbelzahntiger entkommen kann, ist besser vorbereitet, wenn er plötzlich einem Säbelzahntiger gegenüber steht.

Ein großes Interesse daran, Geschichten zu hören und abzuspeichern, schafft einen evolutionären Überlebensvorteil. Ich denke, ein Großteil der Begeisterung für Geschichten wird immer noch von diesem evolutionären Programm gesteuert. Ich schaue eine Folge Breaking Bad und bin auch deshalb so gefesselt, weil ein unbewusster Teil meines Gehirns mir signalisiert: Pass auf, wenn du einmal in eine ähnliche Konfliktsituation kommst, wirst du wissen, wie du zu reagieren hast. Auch wenn ich keine Karriere als Drogenbaron anstrebe.

Bewusst oder unbewusst, wissen Erzähler um die Kraft der Konflikte. Und sie sind ihrem Publikum gegenüber im Vorteil. Sie wissen bereits, wie die Geschichte weitergeht, wie der Konflikt ausgeht. Deshalb kann ein Erzähler die Unsicherheit so weit ausreizen, bis sich das Publikum mit der Frage im Kopf, wie es es weitergehen wird, die Nägeln abkaut.

„There is no terror in the bang only in the anticipation of it“ – Alfred Hitchcock

Spätestens wenn der Protagonist nur noch ein Ziel hat, nämlich zu überleben, ist es fast unmöglich, die Aufmerksamkeit von der Geschichte abzuwenden. Genau damit spielt dieser Werbespot von Canal+. Immer noch einer meiner liebsten Werbefilme, der deshalb schon in mehr als einem Post aufgetaucht ist.

Nicht alle Geschichten drehen sich um Schränke oder Parkplätze. Das Leben ist voll von großen und kleinen Konflikten. Je besser ein Erzähler, die Konflikte kennt, die Menschen bewegen, desto spannender werden seine Geschichten. Im Umkehrschluss heißt das auch, wenn eine Geschichte einfach nicht spannend werden will, fehlt ihr wahrscheinlich der richtige Konflikt.

FÜNF GRUNDKONFLIKTE FÜR GESCHICHTEN

In ihrem Buch „Story Structure Architect“ nennt Victory Lynn Smith sechs Grundkonflikte für Geschichten. Ich habe ihre Konfliktdefinitionen für die eigene Arbeit sowie in Workshops genutzt. Aus diesen Erfahrungen heraus, habe ich entschieden, ihre Liste, um eine Konfliktform zu vereinfachen. Für mich sind es fünf Grundkonflikte,die mir helfen herauszufinden, welcher Konflikt eine Geschichte im Kern antreibt.

1. Die inneren Konflikte: Ich gegen Ich

Ein Familienvater in der Mitte seines Lebens sucht einen Therapeuten auf. Zerrissen zwischen den Ansprüchen, die seine Frau, seine Familie und sein Beruf an ihn stellen, leidet er an Panik-Attacken. Nichts ungewöhnliches, wäre er nicht der Mafia-Pate von New Jersey.

Die US-Serie Sopranos basiert auf dieser Grundgeschichte. Sie rückt damit nicht die Verbrechen der Mafia in den Mittelpunkt, sondern die inneren Konflikte der Hauptfigur. Es geht nicht nur um die Kämpfe, die er mit der Polizei oder anderen Mafia-Banden austragen muss, sondern um die Kämpfe mit sich selbst: Wer bin ich? Was will ich eigentlich? Warum tue ich, was ich tue?

Schaubild ‚Innere Konflikte‘

Jeder Mensch kennt diese Fragen. Jeder kennt das Gefühl der inneren Zerrissenheit. Deshalb sind innere Konflikte die stärkste Triebfeder jeder Geschichte. Ein Charakter mit starken inneren Konflikten ist nicht nur glaubwürdiger. Weil wir wissen, wie sich innere Konflikte anfühlen, fällt es uns leichter zu gebrochenen Charakteren Empathie aufzubauen, für sie Interesse und Mitgefühl zu entwickeln. Selbst wenn es, wie bei den Sopranos, ein Verbrecher ist.

Ein innerer Konflikt spielt sich, wie sollte es anders sein, im Inneren einer Person ab. In einem inneren Dialog stehen sich Emotionen, Bedürfnisse und Ziele gegenüber, die zu gegensätzlichen Handlungen auffordern. Zeichentrickfilme inszenieren einen inneren Konflikt gerne mit einem Engel und einem Teufel, die auf der Schulter des Protagonisten erscheinen. Die eine Stimme ruft zum Guten. Die andere flüstert unmoralisches Handeln ein. Das Bild ist gar nicht so unrealistisch. Im menschlichen Erleben, sind es innere Gedankenstimmen, die über die nächste Handlung diskutieren. Nur sind es nicht immer Engel und Teufel, die gegeneinander antreten.

Vernunft gegen Emotion

Spätestens seit der Aufklärung stehen sich im westlichen Denken Gefühle und Vernunft gegenüber. Der Menschen wird entweder von seinen Trieben gesteuert oder von der klaren Stimme der rationalen Vernunft. Die emotionale Stimme ist auf kurzfristige Befriedigung aus. Die rationale auf den langfristigen Erfolg.

Der Disney Cartoon ‚Reason and Emotion‘ von 1943 zeigt den Kampf von Emotion und Vernunft stark vereinfacht, indem es beide Stimmen im Kopf als Cartoon-Charaktere zeigt. Allerdings vor dem schauerlichen Hintergrund des zweiten Weltkriegs und seiner Propaganda. Und einem heute ebenso schauerlichen Frauenbild.

Die Polarität von Gefühl und Vernunft ist auch heute noch ein innerer Konflikt, der viele Geschichten antreibt. Im Roman gibt es den inneren Dialog, um innere Konflikte darzustellen. Im Film ist es schwieriger, die inneren Stimmen sichtbar zu machen. Darum werden die inneren Stimmen von Vernunft und Emotion oft durch zwei befreundete Hauptcharaktere externalisiert. Bei Star Trek ist Captain Kirk die Stimme des Gefühls, impulsiv und schnell. Mr. Spock ist die Stimme der Vernunft.

Darüber hinaus hat sich die Sichtweise auf Emotion und Vernunft seit dem Disneyfilm verändert. Emotionen werden heute nicht mehr nur als Kräfte des „Bösen“ gesehen. Ebensowenig ist Vernunft heute nur eine Kraft des „Guten“. Trotzdem bleibt es schwierig, beide Kräfte in Balance zu halten. Das macht Geschichten in denen Vernunft und Emotion miteinander ringen so spannend.

Immer Trouble mit diesen Gefühlen

In Pixars Meisterwerk ‚Inside out‘ sind es nicht Vernunft und Emotion, die im Kopf eines jungen Mädchens, um die Kontrolle kämpfen. Es sind die Emotionen Freude, Angst, Wut, Ekel und Trauer.

Damit folgt Pixar Theorien des Gehirns, die unseren Gefühlen das Sagen über unsere Wahrnehmung geben. Sie gehen davon aus, dass unsere Emotionen die Wahrnehmung und damit auch die scheinbar rationale Interpretation einer Situation verändern.

Wer verliebt ist, sieht die Welt durch eine rosarote Brille. Wer wütend ist, sieht nur noch Angriffe. Und wer, wie in der Snickers-Werbung hungrig ist, ist nicht mehr er selbst. Denn Emotionen ändern unser Verhalten nicht immer zum Guten. Sie sind auch der Auslöser für unsere schlechten Eigenschaften; für instinktive Verhaltensmuster, die ein Mensch früher einmal entwickelt hat, um mit dieser Emotionen klar zu kommen. Verhaltensweisen, die, wenn sie nicht zur aktuellen Situation passen, einen Charakter genau deshalb mit dieser Situation in Konflikt bringen.

Schlechte Eigenschaften wie Ärger oder Ungeduld sind eine herrliche Quelle für spannende Situationen. Sie ziehen den Zuschauer in ihren Bann, weil jeder Mensch weiß, wie es ist, wenn seine rote Knöpfe gedrückt werden. Wenn die Selbstkontrolle verloren geht. Wenn die Wut Bruce Banner zum Hulk macht. Oder die Gier nach Keksen aus einem Monster ein ungeduldiges Krümmelmonster macht. Wenn man plötzlich das Gefühl hat, dass die ganze Welt gegen einen ist und man nichts dagegen tun kann.

Bedürfniskonflikte

Auch widersprüchliche Bedürfnisse können innere Konflikte entfachen. Denn Bedürfnisse bilden meist Gegenkräfte in unserem Inneren. Das Bedürfnis nach Sicherheit sorgt dafür, dass wir uns nicht unnötig in Gefahr begeben. Doch wer in einer Sache Meisterschaft erlangen will, der muss bereit sein, Risiken einzugehen und seinen sicheren Bereich verlassen. Ebenso sehnen sich Menschen auf der einen Seite nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft, streben jedoch gleichzeitig nach Unabhängigkeit. Keine einfache Aufgabe, da die Balance zu finden.

Schaubild ‚Bedürfniskonflikte‘

In Pixars ‚Ratatouille‘ muss die Ratte Remy die Sicherheit und die Zugehörigkeit zur Familie hinter sich lassen, um ihren Traum zu verwirklichen, ein Koch zu werden. Da jeder Mensch weiß, wie schwer es ist, die eigenen Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen, fühlen wir mit Remy mit.

Für die Werbung sind Bedürfniskonflikte das ideale Feld. Wenn es einer Marke gelingt, sich mit ihren Geschichten so zu inszenieren, dass sie zur Lösung eines Bedürfniskonflikts wird, dann treten die funktionalen Eigenschaften des Produktes in den Hintergrund. Wie in dieser Jeep Werbung von 2014, die den Bedürfniskonflikt von Zugehörigkeit und Unabhängigkeit inszeniert.

2. Die Beziehungskonflikte: Mensch gegen Mensch

In dem Film-Klassiker Casablanca muss sich die Hauptfigur Rick entscheiden: Verhilft er seiner große Liebe Elsa und ihrem Ehemann, dem Widerstandskämpfer Viktor, zur Flucht vor den Nazis. Oder flüchtet er mit ihr aus Casablanca und opfert einen kriegsentscheidenden Widerstandskämpfer für sein persönliches Glück. Keine einfache Entscheidung. Aber welcher Beziehungskonflikt ist das schon.

Schaubild Beziehungskonflikte

Menschen brauchen einander. Als Einzelgänger hätten unsere Vorfahren kaum überlebt. Und wie alle Säugetiere müssen sich Menschen paaren, um sich fortzupflanzen. Schon deshalb stehen Menschen immer mit anderen Menschen in Beziehungen.

Nur dumm, dass Beziehungen nicht einfach sind. Weil Menschen keine Gedanken lesen können, können sie die Wünsche, Bedürfnisse, Erwartungen und Reaktionen anderer nur erahnen. Und meistens liegen sie falsch. Gepaart mit den eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Erwartungen sind Beziehungen stets ein emotionales Pulverfass.

Liebe. Sex. Freundschaft. Hass. Eifersucht. Verrat. Enttäuschung. Die großen Themen unseres Lebens beziehen sich fast immer auf Beziehungskonflikte. Wie ein unsichtbares Netz verbinden Beziehungskonflikte die Charaktere einer Geschichte. A ist verheiratet mit B. Doch C ist in B verliebt. Und mit A befreundet. Schon kracht’s. Jedes Drama und jede romantische Komödie handelt auch vom Schmerz der enttäuschten Erwartungen.

Eben weil Beziehungen genauso schön und erfüllend, wie kompliziert und schmerzhaft sein können, können wir uns Beziehungsgeschichten nicht entziehen. Selbst wer keinen Hunger leidet und keine Gefahr für Leib und Leben fürchten muss, kann immer noch von einer Beziehung zerstört werden. Deshalb lenkt das Unbewusste die Aufmerksamkeit sofort auf das Geschehen. Weil wir die ganze Klaviatur der Beziehungsfreuden und Schmerzen kennen, verstehen wir Beziehungskonflikte sofort. Und fühlen mit. Wie in diesen beiden Spots.

3. Die sozialen Konflikte: Einer gegen Alle

In der Hollywood-Komödie King Ralph stirbt das gesamte englische Königshaus durch einen tragischen Unfall. Verzweifelt wird nach einem Erben gesucht und einer gefunden: Ein dicker Kneipen-Pianist aus Amerika. Niemand von dem man royale Würde erwarten kann. Und der neue King Ralph lässt auch kein Fettnäpfchen aus. Grund genug zu versuchen, ihn loszuwerden.

Wenn jemand mit einem neuen sozialen Umfeld konfrontiert wird oder feststellt, dass sein soziales Umfeld nicht mehr zu seinem Lebensentwurf passt, dann sind soziale Konflikte vorprogrammiert. Denn jede Gruppe von Menschen schafft sich sowohl offizielle als auch unausgesprochene Regeln, Glaubenssätze, Symbole und Rituale, die die Gemeinschaft zusammenhalten. Sie sind der Kit, der ’soziale Vertrag‘ der Gruppe. Jeder Neuling in einer Gruppe bringt die Regeln, Glaubenssätze, Symbole und Rituale genauso in Gefahr, wie jeder, der sich gegen den herrschenden Sozialvertrag der Gruppe auflehnt, ihn Frage stellt oder bricht.

Schaubild ‚Soziale Konflikte‘

Ohne den sozialen Vertrag droht eine Gemeinschaft ihren Halt zu verlieren. Das löst, glaube ich, die tief sitzende Angst aus, den Schutz und die Unterstützung der Gruppe zu verlieren. Allein dazustehen, war in der Steinzeit eine tödliche Gefahr. Schon deshalb setzen sich Gruppen gegen Veränderungen instinktiv zur Wehr. Sie machen es Neulingen schwer, aufgenommen zu werden. Und demjenigen, der gegen ihre Ordnung kämpft, sogar noch schwerer. Doch gerade der Mut, den es braucht, soziale Konflikte zu überstehen, macht Geschichten über sie attraktiv. Einer gegen Alle. David gegen Goliath. Manchmal muss man sich sogar gegen die Regeln einer ganzen Gesellschaft auflehnen. Wie in diesem Nike-Spot:

4. Die kosmischen Konflikte: Mensch gegen Schicksal

Ein Sturm. Ein Vulkanausbruch. Eine Alien-Invasion. Eine Flut. Ein Virus. Eine Feuersbrunst. Plötzlich sieht sich der Held einer Geschichte einer Bedrohung gegenüber, die ihn zwingt, um sein Überleben zu kämpfen. Wie eine kosmische Kraft treibt das Schicksal den Helden vor sich her.

Kosmische Konflikte sind starke Initialzündungen für Geschichten. Eine Bedrohung zwingt die Hauptfigur zum Handeln. Das treibt nicht nur Katastrophen- und Zombiefilme an. Kosmische Konflikte sind beliebte Erzähl-Konstruktionen von Politikern und CEOs. Globalisierung, Digitalisierung, Konkurrenzdruck oder eine Flüchtlingsflut. Soziale oder wirtschaftliche Phänomene werden zu lebensbedrohlichen Naturgewalten erklärt. So wird künstlich ein kosmischer Konflikt inszeniert, der Angst erzeugt und nur eine Handlungsoption zulässt.

Schaubild ‚Konsmische Konflikte‘

Doch hier ist eine Warnung angebracht: Wenn ein kosmischer Konflikt der einzige Anlass der Handlung ist, wird der Protagonist zu einem passiven Spielball des Schicksals. Das erzeugt auf Dauer Langeweile und Ablehnung beim Publikum. Alternativlose Handlungszwänge widersprechen dem menschlichen Denken. Denn wirklich alternativlos ist lediglich der Tod. Darum laufen kosmische Konflikte Gefahr, vom Publikum als billiger Trick erkannt zu werden, um eine Handlung voranzutreiben. Im Film. In der Politik. Und auch in Unternehmen. Richtig eingesetzt hingegen, kann ein kosmischer Konflikt ein wunderbarer Katalysator für eine Geschichte sein. Wie dieser Spot einer holländischen Unfallversicherung zeigt:

5. Die paranormalen Konflikte: Mensch gegen Wirklichkeit

Viele Spukgeschichten fangen so an: Familie zieht in ein verlassenes Haus. Plötzlich passieren seltsame Dinge, die den Gesetzen der Natur widersprechen. Aber kann das alles real sein.
Jeder Mensch verlässt sich darauf, dass die Wirklichkeit bestimmten Regeln und Naturgesetzen gehorcht. Wenn wir ein Ei fallen lassen, wird es am Boden aufschlagen. Wenn wir an einer Bushalte-Stelle warten, müssen wir nicht befürchten, dass der Busfahrer in sie Haltestelle hinein rast. Sobald die Regeln unserer Wirklichkeit nicht mehr stimmen, bekommen wir es mit der Angst zu tun.

Paranormale Konflikte

Paranormale Konflikte entstehen, wenn jemand in eine Welt eintritt, in der die Gesetze des Normalen keine Geltung mehr haben. Der gewohnte Zusammenhang von Ursache und Wirkung zerbricht und damit alle Verlässlichkeit. Gefühle von Schrecken, Hilflosigkeit, Ausgeliefert sein und Unsicherheit übernehmen und geben diesen Konflikten die Spannung. Die Angst vor dem dunklen Keller wird geweckt. Das Publikum stellt sich die Frage: Wird es dem Protagonisten gelingen, die Regeln der Wirklichkeit wiederherzustellen? Gelingt es ihm Licht ins Dunkel zu bringen. Kann er das Unglaubliche in die Wirklichkeit integrieren, indem er die neuen Regeln versteht? Paranormale Konflikte ergeben gute Akte X Folgen und Horrorfilme.
In der Werbung sind sie nur selten zu finden.

NUTZE DAS DRAMA. ABER WEISE.

Geschichten brauchen Konflikte. Je besser sich ein Erzähler sich mit Konflikten auskennt, desto spannender kann er erzählen. Ein Spielfilm ohne Konflikt. Das funktioniert nicht. Aber wie sieht es mit anderen Formen der Kommunikation aus. Werbefilme funktioniert mit Konflikten. Funktioniert Werbung auch ohne? Und was ist mit PR, Events oder…?

Auf der Metaebene stellt sich die Frage nach dem Konflikt einer Geschichte nur, wenn auch eine Geschichte erzählt werden soll. Zur Zeit ist das Schlagwort Storytelling so beliebt, dass schnell vergessen wird, dass eine Geschichte nicht die einzige Form ist, etwas zu erzählen. Ich trenne ganz unwissenschaftlich zwischen drei Erzählweisen, die in vielen Graustufen miteinander verschmelzen.

Zum einen gibt es die rein sachliche Argumentation, die gar nicht erst nicht versucht Emotionen zu wecken oder zu vermitteln. Sie nutzt die Sprache der Wissenschaft. Schwache Verben, komplizierte Satzkonstruktionen, präzise Wortwahl. Die Argumentation zielt auf die linke Gehirnhälfte, auf das sachliche Denken.

Im anderen Extrem gibt es rein emotionale Inszenierungen. Sie versuchen mit starken, emotionalen Schlüsselwörtern und Bildern ein direktes Gefühl auszulösen, ohne den Verstand anzusprechen. Sie erzeugen das Erlebnis eines ästhetischen Traumzustands. Werbespots für Parfüm sind oft ein gutes Beispiel für eine rein emotionale Inszenierung. Es wird keine Handlung erzählt, sondern vielmehr ein assoziatives Netz aus lose zusammenhängenden Symbolen gespannt. Ein Hollywood-Star schwebt durch eine weichgezeichnete Kulisse und haucht emotionale Schlüsselwörter. Freiheit. Liebe. Channel. Der Effekt ist eine kurzfristige, emotionale Regung, die sich am Verstand vorbeischleicht. Die rein emotionale Inszenierung spricht direkt die rechte Gehirnhälfte an. Erst wenn jemand versucht, den Inhalt eines solchen Spots in Worten zusammenzufassen, wird dem Verstand das Fehlen eines logischen Zusammenhangs bewusst.

In der Mitte zwischen diesen beiden Polen liegt die dramatische Story. Eine Geschichte verbindet Fakten mit Emotionen. Ihre emotionale Kausalität bedient beide Gehirnhälften. Denn in einer Geschichte erleben wir einen Protagonisten, der ein Ziel verfolgt und dessen Handeln die Ursache für weitere Ereignisse ist. Durch die emphatische Übertragung auf eine handelnde Person lässt sich nicht nur ein Sachverhalt erklären, sondern auch die Gefühle übermitteln, die der Protagonist in jeder Handlungssituation empfindet. Je konfliktreicher die Situation ist, in der sich ein Protagonist befindet, desto interessanter ist sie für das Publikum.

Selbst kleine Andeutungen von Konflikten erhöhen die Spannung und die Merkfähigkeit von Geschichten. Diese Erfahrung habe ich mit der der #BuiltWithJimdo Kampagne gemacht. In drei TV-Spots á 20sek haben wir jeweils die reale Geschichte eines Jimdo-Users erzählt. Zwanzig Sekunden lassen nicht viel Zeit einen Konflikt zu etablieren. Wir haben trotzdem versucht auf der Tonspur einen Konflikt herauszuarbeiten.

Die Geschichte von Maurice beinhaltet den inneren Bedürfniskonflikt zwischen Sicherheit und Meisterschaft. Maurice gibt den sicheren Job als Optiker auf, um aus Skateboards Schmuck zu gestalten. Die Geschichte von Flo handelt von einem sozialen Konflikt. Indem er nachhaltige Wolle aus der Region in seinem Online Shop verkauft, wendet er sich gegen die rücksichtslosen Großproduzenten.

Nur bei der Geschichte von Elli ist es uns in dem Spot nicht gelungen, einen Konflikt zu etablieren. Ihre Geschichte ist eher glatt. Interessanterweise gab es Kommentare auf Twitter, die sich beschwert haben, dass Jimdo eine Frau zeigt, die gerne in der Küche steht. Also haben wir zumindest bei den Kommentartoren unbewusst einen sozialen Konflikt ausgelöst. Wie dem auch sei. Der Mangel an Konflikt in diesem Spot hat sich als ein Faktor negativ auf die Performance ausgewirkt.

Letzte Worte

Egal ob es um einen Film, die Kern-Geschichte einer Marke oder die Story einer Kampagne geht: Konflikte schaffen Spannung. Die fünf Basis-Konflikte helfen, den richtigen Konflikt in einer Geschichte zu finden und zu nutzen. Dabei ist auch etwas Weisheit gefragt: Bei dem Versuch jedes Thema für etwas mehr Aufmerksamkeit zu dramatisieren, laufen wir Gefahr, die wirklichen Dramen aus den Augen zu verlieren. Die Dramen, die sich in der in der Welt, im Büro oder im Freundeskreis abspielen. Oder wie Yodas sagen würde: Konflikte Geschichten antreiben. Weise nutzen du sie musst.