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Die Würfel sind gefallen. Jetzt schreib um dein Leben!

Worauf habe ich mich da nur eingelassen, denke ich, als mich der Moderator auf die Bühne bittet. Auf der Bühne im Hamburger Nachtasyl: Ein Tisch mit fünf Stühlen. Vier Stühle sind bereits besetzt. An den Autoren und Slammer Hartmut Pospiech, and die Autorin und Redakteurin Melanie von Bismarck, an Juliane Bergmann von NDR Kultur und an Henning Bleyl, Kulturredakteur der TAZ. Der verbliebene Stuhl ist für mich.

Auf dem Tisch liegen Bleistifte und Papier. An der Tischkante ist eine Kamera angebracht. Ihr Objektiv ist auf fünf Würfel gerichtet, die unterschiedliche Bildsymbole zeigen. Ein Beamer wirft das Bild der Kamera über mir auf eine Leinwand. Der Moderator kündigt die erste Runde an. Die Augen des Publikums sind auf uns gerichtet. Ich bin nervös.

Willkommen bei ersten „Poets on dice“-Event, dass letzten Donnerstag im Nachtasyl des Hamburger Thalia Thearters stattfand. Ausgedacht hat sich den wahrscheinlich schnellsten Kurzgeschichtenwettbewerb der Welt Florian vom Hamburger Writers-Room. Die Regeln bei poets on dice sind einfach: Das Publikum wählt wählt ein Thema. Dann werden fünf Würfel mit Bildsymbolen geworfen. Anschließend haben wir Autoren drei Minuten Zeit, eine Kurzgeschichte entlang der Symbole zu schreiben. Unmittelbar danach wird das Geschriebene dem Publikum vorgelesen, das per Applaus die Siegergeschichte auswählt. Gespielt wird fünf Runden. Wer die meisten Runden gewinnt, gewinnt den Abend.

Moderator und Initiator Romeo Grünfelder zählt die letzten Sekunden runter. Drei. Zwei. Eins. Stift fallen lassen. Wir sind in Runde drei. Die Aufgabe: Eine Staumeldung schreiben. Die Bildsymbole: Eine Schnecke. Ein Tresor. Ein gebrochenes Herz. Ein Wikinger. Ein Baby. Ich schreibe los.

Ich kann meine Schrift kaum lesen. Ich atme durch und trete ans Mikro. Ich hab ja keine Wahl. Ich begebe mich in die Rolle eines Radiosprechers und lese mit zugegeben sehr schlechtem bayrischen Akzent:

Text aus 3 Minuten.

Text aus 3 Minuten.

„Hier ist der bayrische Rundfunk mit einer Verkehrsmeldung. Auf der A8 ist es zu einem Überfall auf einen Geldtransporter gekommen. Die Polizei fahndet nach acht Männern in Wikingermasken. Es kann daher zu erheblichen Verzögerungen kommen.
Ganz ehrlich: Der Verkehr läuft im Schneckentempo. Und das stört mich gar nicht. Weil ich weiß, dass du da mitten drin sitzt, Karin. Mit dem bekloppten Ralf, mit seinem dämlichen Babygesicht. Na ja du hast es so gewollt. Ich hoffe ihr verglüht in der Scheißsommerhitze.“

Das Publikum applaudiert. Diese Runde geht an mich. In der nächsten Runde merke ich nach dreißig Sekunden, dass meine Geschichte keinen Sinn ergeben wird. Überhaupt keinen. Zero. Nada. Nüscht. 

Ich muss trotzdem ans Mikrofon und ernte die erwartete Stille. Doch gerade diese Momente machen „Poets on Dice“ spannend und besonders. In drei Minuten ist keine Zeit für Nachdenken, zum Feilen oder Perfektionieren. Entweder etwas entsteht auf dem Papier oder nicht. Die einzige Chance ist todesmutig draufloszuschreiben, komplett loszulassen und zu hoffen, dass einem das Schicksal einen Einfall schenkt. Und wenn das Schicksal gnädig ist, haut es einen um, was Menschen in drei Minuten zu Papier bringen können.

Am Ende teile ich mir Hartmut den Sieg und freue mich über den Preis: Ein Jahresabo von Reportagen. Doch das ist gar nicht so wichtig. Denn der Abend war ein großartiges Abenteuer. Ich habe das Publikum zum Lachen gebracht und mich einmal knallhart blamiert. Da lautete das Szenario: Klären sie einen sechsjährigen Jungen auf.  Am Mikro erst wurde mir klar, was ich für einen Quatsch geschrieben hatte und konnte es vor lauter Lachen kaum noch vorlesen. Schwamm drüber. Ich  möchte auf jeden Fall ein kleines Stück des Todesmutes erhalten, einfach so drauflos zu schreiben. Und in dem ein oder andern Workshop werden  sicherlich in Zukunft auch ein paar Story-Würfel auftauchen.

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