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Kleine Fragen, großes Drama. Über Spannung und eine interaktive Doku.

Langweilig!

Ich weiß nicht wie es euch geht. Ich spüre sofort, wenn mir eine Geschichte nicht spannend genug ist. So sehr ich mich auch bemühe. Ich kann mein Gehirn einfach nicht dazu zwingen Aufmerksam zu bleiben. Nur was macht Geschichten eigentlich spannend?

Für ein paar Sekunden reichen Knalleffekte, große Bilder und schöne Körper, um Aufmerksamkeit zu erregen.  Doch reicht solcher „Feenstaub“ auch, um die Spannung über die ersten Sekunden hinaus zu halten?

Langfristigere Spannung entsteht aus Konflikten. Aus Drama. Da sind sich Autoren und Storytelling-Experten einig.

„No conflict means no doubt. And no doubt means no suspense. This is why conflict is the essence of all dramatic stories.“ (Karl Iglesias: Writing for the emotional impact)

„Nothing moves forward in a story except through conflict. Put another way, conflict is to storytelling what sound is to music. Both Story and music are temporal arts, and the single most difficult task is to hook our interest, hold our uninterrupted concentration, then carry us through time without an awareness of the passage of time.“ (Robert McKee: Story).

Und wer diese Grundregel einmal durchschaut hat, sieht plötzlich, dass sich nicht nur Literatur und Film konstant Konflikt inszenieren. Auch gute Werbestories beruhen fast immer meist auf einem Konflikt. Das macht auch Sinn. Denn ein dramatischer Spannungsbogen spricht das emotionale Zentrum in unserem Gehirn an und nimmt starken Einfluss auf unser Verhalten. So jedenfalls erklärt es dieses Video:

Für die Dramaturgin Victoria Lynn Schmidt gibt es sieben Basis-Konflikte, die in Geschichten Spannung erzeugen.

Doch die spannendsten Konflikte sind Beziehungskonflikte.

Nirgends sind unsere Erwartungen, Hoffnungen, Wünsche und Sehnsüchte größer und unser Selbst verletzlicher als in der Intimität einer Beziehung. Alle Menschen haben das tiefe Bedürfnis geliebt zu werden. Und die tiefsitzende Angst genau diese Liebe zu verlieren. Da kann schon eine einzige Frage, die Beziehung und das ganze Leben aus dem Takt bringen.

Wie spannend es deshalb ist, genau diese Fragen zu stellen, zeigt das Erzählprojekt http://www.theand.us/.

Hier stellen sich Paare einander Fragen zu ihrer Beziehung, die eigentlichin die Kategorie „Stell-keine-Fragen-auf-die-du-die-Antwort-nicht-hören-willst“ gehören. Fragen wie: „Hattest du den besten Sex deines Lebens mit mir?“

Doch erst das Risiko, dass sie mit dieser Frage eingehen,  macht die Situation dramatisch. In der Sekunde zwischen der gestellten Frage und der Antwort, stockt mir als Zuschauer der Atem: Wie wird der Partner antworten? Wird es den anderen verletzen? Wird er lügen? Wird die Beziehung danach noch die selbe sein? Geht jetzt alles kaputt?

Die Spannung wird noch erhöht, durch einen Fragen-Mechanismus, wenn man die Seite öffnet.  Über Auswahl-Fragen ermittelt die Seite die Beziehungskonflikte, mit denen sich der Zuschauer am meisten identifiziert. Auf Basis seiner Antworten, wird dem Zuschauer dann ein Film mit den Paaren und den Fragen zusammengestellt, die seine Themen am ehesten berühren.

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Am Ende dieses Films fordern die Macher des Projektes den Mut des Zuschauers heraus: Jetzt soll er diese Fragen an seinen Partner stellen.
Ob man diesen Mut hat. Oder lieber die Protagonisten dieser Geschichte für sich handeln lässt. Das ist jedem selber überlassen.

Doch gleichgültig wie unser Verhältnis zu realen Konflikten ist. Ein Erzähler muss sie suchen. Da hingehen wo es wehtut. Denn eine Geschichte, die der Gefahr aus dem Weg geht, wird sicherlich eins: Langweilig.

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