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Urlaubsgrüße aus King’s Landing : Wie Game of Thrones die Wahrnehmung bestimmt. Eine Selbstbeobachtung aus Dubrovnik.

Direkt vor der kroatischen Hafenstadt Dubrovnik liegt die Insel Lokrum. Ein Waldstück umgeben von türkis-blauem Wasser. Alle zwanzig Minuten bringt eine wackelige Fähre Touristen vom alten Stadthafen zum Inselanleger. Ich war im Mai mit meiner Frau dort. Wir sind vom Besucherzentrum zum verfallenen Benediktinerkloster am Südende der Insel gewandert. Dort gibt es eine Ausstellung über die Geschichte der Insel. Sie zeigt mittlerweile auch, wie die Macher von Game of Thrones Lokrum und Dubrovnik als Drehort nutzen. Und schon die Aufteilung der Ausstellung macht deutlich, wie stark Game of Thrones die Wahrnehmung der Insel und der Stadt Dubrovnik bestimmt.

Die linke Raumseite der Ausstellung zeigt die Historie der Insel und der Stadt auf eng beschriebenen Wandtafeln mit kleinen Fotos. Die restlichen Wände widmen sich der fiktiven Welt von Game of Thrones. Große Karten und Bildschirme erzählen, wie sich Dubrovnik in der Serie in die fiktionale Stadt King’s Landing verwandelt und das Kloster Lokrum in einen Palast in der fiktionalen Stadt Meereen. Höhepunkt der Ausstellung ist ein Eiserner Thron aus Kunststoff – zum Drauf-sitzen und Fotos machen. Und was soll ich sagen. Die Besucher der Ausstellung zeigten wenig Interesse für die echte Vergangenheit der Insel.

Wer heute Dubrovnik besucht, kann dem Hype um Game Thrones nicht entgehen. Die Serie ist allgegenwärtig. Wir hatten den Bus am Eingang zum mittelalterlichen Stadtkern Dubrovniks kaum verlassen, da stürmten mehrere Stadtführer auf uns zu. Sie wollten uns eine „Game of Thrones“- Stadttour zu den Drehorten der Stadt andrehen.

Egal ob am alten Stadttor, der Hauptstraße, der Stadtmauer oder dem Palast: überall scheint mir, als habe die fiktionale Geschichte Westeros die reale Geschichte der Stadt verdrängt. Wer, wie ich, die Serie verfolgt, kann nicht anders, als die Umgebung nach Drehorten abzusuchen. Ich flaniere zugleich durch Dubrovnik und durch King’s Landing – genauso natürlich, als ob es die reale Geschichte der Stadt wäre. Zu vertraut erscheinen die Häuser aus gelblichem Sandstein. Die Bilder der Serie legen sich wie ein Spezialeffekt über Häuser und Straßenzüge. Wie ein Matte-Painting im Kopf. Realer und fiktiver Raum vermischen sich zu einem permanenten Realitätsspiel, das ich mit dem iPhone weitergesponnen habe. Es hat (zumindest meinem Nerd-ich) großen Spaß gemacht, mich für ein paar Momente der Vorstellung hinzugeben wirklich King’s Landing zu besuchen, die eigenen Urlaubsfotos mit Bildern aus der Serie zu mischen und auf Instagram zu teilen.

Es ist schon verrückt, daß ich mich nicht mit der ‚wirklichen‘ Geschichte der Stadt beschäftige. Vielmehr bestimmt ein fiktionales Mittelalter meinen Blick. Ein Mittelalter, das sich ein amerikanischer Autor in New Mexico ausgedacht hat. Ein fiktives Mittelalter, das von einem Filmteam in dieser Stadt simuliert wurde – auch weil es in Kroatien günstig ist, zu drehen. Das Reale löst sich in meinem Blick auf. Realität und Fiktion, das Echte und das Künstliche sind untrennbar verwoben. Aus Dubrovnik wird gleichzeitig ein „Game of Thrones“ Abenteuerland. Wie in einem Themenpark. Wie in Disneyland.

1983 schrieb der Philosoph Jean Baudrillard über Disneyland. Er versuchte die kulturelle Bedeutung des Parks zu analysieren. Ganz der Ideologiekritik verschrieben, interpretierte er Disneyland als eine große Verblendungsmaschine. Die Künstlichkeit dieser Scheinwelt verstelle dem Besucher den Blick darauf, dass das vermeintlich Reale längst selbst eine hyperreale, ideologische Simulation sei. Weil Disneyland so offensichtlich künstlich ist, fällt uns die Künstlichkeit der eigenen kapitalistischen Lebenswelt mit ihren ideologisch geschaffenen Prozessen und Strukturen nicht mehr auf. Wir akzeptieren sie als real und vergessen zu hinterfragen, was wir für Realität halten.

„The Disneyland imaginary is neither true nor false; it is a deterrence machine set up in order to rejuvenate in reverse the fiction of the real. Whence the debility, the infantile degeneration of this imaginary. It is meant to be an infantile world, in order to make us believe that the adults are elsewhere, in the „real“ world, and to conceal the fact that real childishness is everywhere, particularly amongst those adults who go there to act the child in order to foster illusions as to their real childishness.“ (Jean Baudrillad (1983): The Precession of Simulacra, NY 1983 Semiotext(e) Inc.)

„Disneyland is there to conceal the fact that it is the „real“ country, all of „real“ America, which is Disneyland (just as prisons are there to conceal the fact that it is the social in its entirety, in its banal omnipresence, which is carceral). Disneyland is presented as imaginary in order to make us believe that the rest is real, when in fact all of Los Angeles and the America surrounding it are no longer real, but of the order of the hyperreal and of simulation. It is no longer a question of a false representation of reality (ideology), but of concealing the fact that the real is no longer real, and thus of saving the reality principle.“ (Jean Baudrillad (1983): The Precession of Simulacra, NY 1983 Semiotext(e) Inc.)

Ich bin mir meist nicht sicher, ob ich Baudrillard, seine Simulationstheorie und Ideologiekritik durchschaue. Ich lese sie vielmehr als eine Inspiration, die Bedeutungsebenen fiktionaler, simulierter Welten genau zu betrachten. Zu versuchen mich unter die Oberfläche zu denken. In Disneyland ist die Simulation offensichtlich. Die Geschichten ebenso künstlich wie die Gebäude der Inszenierung. Disneyland ist eine abgeschlossene künstliche Welt, die von der Alltagsrealität deutlich abgegrenzt ist. In Dubrovnik ist das Verhältnis zwischen Realität und Simulation komplexer. Ich befinde mich in einer historisch gewachsenen Stadt. Doch die fiktionale Erzählung und ihre TV-Inszenierung schafft eine simulierte Bedeutungsebene, die mir noch noch realer als die Wirklichkeit erscheint. Das Alter der Gebäude verstärkt diesen Effekt noch. Ein fiktionales, filmisch simuliertes Mittelalter konkurriert mit dem realen Mittelalter, dass sich nur schwer erleben lässt. Disneyland wurde als fiktionale Erlebniswelt gebaut. Dubrovnik wurde von Game of Thrones dazu gemacht. So wie die Markenstories über Athleten meinen Nike Sneaker mehr Bedeutung geben, gibt die Medienmarke Game of Thrones der Stadt mehr Bedeutung.
Bleibt die Frage, wie es Game of Thrones gelingt, sich so stark in meinen Kopf und ins populäre Bewusstsein zu hacken. Hier greifen drei Dinge ineinander.

Erstens: Game of Thrones ist eine verdammt gut gemachte Serie. Die Produktionsqualität wird durch die starke Geschichte übertroffen. Game of Thrones berührt emotional, weil sie ein großes Drama des menschliche Daseins behandelt: Den Konflikt von Macht und Loyalität. Die dramatische Frage ist weniger was jemand aufgeben muss, um Macht zu erlangen – sondern wen. Wer Macht will, wird sich Feinde machen. In seiner Familie und bei seinen Freunden. Ein Konflikt, dem sich schon Shakespeare in seinen Dramen bedient hat.

Zweitens: Game of Thrones nutzt die gesamte Klaviatur das modernen Marketings. Egal in welchem Medium, es gibt eigentlich kein Entkommen. Doch gute Geschichte und exzellentes Marketing erklären den Erfolg nur halb.

Ich denke drittens, dass die Serie einen unterbewussten Wunsch nach dem Mythischen bedient. Den Wunsch nach einer großen Erzählung, die der Welt und den darin handelnden Menschen eine Bedeutung gibt. Früher erklärten religiöse Mythen die Herkunft und Bedeutung der Dinge. Heute sollten Wissenschaft und Nachrichten diese Funktion übernehmen. Doch die Wirklichkeit erscheint oft zu komplex, zu unüberschaubar und zu schwer zu greifen. Wer kommt schon bei dem grausamen „Game of Thrones“ mit, dass heute Syrien gespielt wird. Wer konnte die Machtspiele durchschauen, die vor zwanzig Jahren im kroatischen Krieg Dubrovnik selbst erschütterten. Um so attraktiver ist eine Fiktion, die uns in einfachen Kausalitäten das Thema Macht erklärt. Deren Kriege folgenfrei, weil simuliert, bleiben. Eine Fiktion, in die es Spaß macht einzutauchen, während ich die Gassen Dubrovniks erkunde.

Nur die offiziellen Game of Thrones Merchandising-Geschäfte brechen mit meiner Imagination von King’s Landing. Billige T-Shirts, Tassen, und Spielfiguren aus China lassen keinen Zweifel daran: Game of Thrones ist eine kommerzielle Unterhaltungsmarke. Und schon wirft die nächste große Medienmarke ihren Schatten auf Dubrovnik. Star Wars VIII wird den mittelalterliche Stadtkern in eine weit, weit entfernte Galaxie verlegen. Für Dubrovnik bedeutet das noch Touristen und noch mehr Merchandising. Bereits heute zwängen sich fast 3,5 Millionen Touristen pro Jahr durch die engen Gassen. Für den Tourismus ist das Spiel der Bedeutungen ein gutes Geschäft. Bloomberg.com wetterte bereits, dass StarWars und Game of Thrones Dubrovnik als Ferienziel für immer ruiniert haben.

Nur hat es das echte Dubrovnik überhaupt je gegeben? War das Urlaubsziel nicht schon vor Game of Thrones oder Star Wars nur die Simulation einer Mittelmeer-Stadt? Ein touristische Phantasiewelt, die umschlossen von der Stadtmauer einem Themenpark gleicht. Eine eingefrorene Kulisse, für Touristen bewahrt, und als Fotomotiv verkauft. Ein historisches Disneyland für Urlauber, die für ein paar Tage die Zwänge ihrer Arbeitswelt in überteuerten Restaurants vergessen wollen. Das echte städtische Leben Dubrovniks spielt sich nur außerhalb des mittelalterlichen Stadtkerns ab. Denn der ist überrannt von Touristengruppen, die die Kreuzfahrtschiffe jeden Tag ausspucken wie Invasionsarmeen. Ich mittendrin und es hat mir gefallen.

Leider hat jede Analyse ihren Preis. Wer mit Baudrillards kritischem Blick durch Disneyland oder Dubrovik wandert, wird eines sicher nicht haben: Spaß. Nur fehlt dann ein wichtiges Puzzlestück im Verstehen: Das Vergnügen. Deshalb habe ich die Texttafeln über die Geschichte der Insel Lokrum in der Ausstellung gleich übersprungen. Und mich lieber auf den ‚Eisernen Thron‘ gesetzt. Und ein Foto gemacht.

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