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Wenn Roboter musizieren und Menschen fliegen lernen: Reisebericht von der „Future of Storytelling“ Konferenz

Anfang Oktober habe ich die Erde vom Weltraum aus betrachtet. Ich habe mich in einen Vogel verwandelt, mit einem Stummfilm-Star getanzt, war Brücken-Offizier auf einem Raumschiff, habe einen Mordfall aufgeklärt und einem Roboter gelauscht, der Jazz improvisiert. Und das war noch nicht alles, was ich auf der Future of Storytelling Konferenz in New York erlebt habe. Ein Reisebericht.

Bereits zum fünften Mal fand die „Future of Storytelling Konferenz“ vom 5.-7. Oktober in New York statt. In diesem Jahr hatte ich endlich eine der fünfhundert begehrten Einladungen erhalten. Voller Vorfreude flog ich bereits am ersten Oktober nach New York. Das gab mir das Wochenende, den Tag der deutschen Einheit und einen Urlaubstag, um die Stadt zu erkunden.

Ach, New York I love you. Die Hochhäuser. Der Lärm. Der Nebel, der morgens aus den Gullis aufsteigt. Der Benzingeruch. Die Geschwindigkeit, mit der sich die New Yorker durch die Stadt bewegen – lediglich gebremst von den Touristen wie mir, die unvermittelt auf dem Gehsteig stehen bleiben, um staunend nach oben zu blicken. Drei Tage bin ich kreuz und quer durch Manhatten flaniert. Von Tribeca nach Downtown. Von Soho nach Uptown. Zur Spitze des Empire State Building, durch den Highline Park und durch das Museum of Modern Art.

Vor zwanzig Jahren habe ich New York das erste Mal gemeinsam mit einem Schulfreund besucht. Damas war ich achtzehn Jahre alt. Die Stadt kam mir fremder und gefährlicher vor. Alle haben uns damals gewarnt, U-Bahn zu fahren. Und ich glaube, wir haben es auch nicht getan. Heute haben Globalisierung und Gentrifizierung die Gefahr aus Manhatten vertrieben. Es gibt die gleichen Modeketten wie in Hamburg. Nur die Dichte an hippen Burger-Läden ist höher. Meine Empfehlung: Ein Elchburger von Bareburger. Auch die Mode hat sich durch Instagram und Facebook international angeglichen. In Soho sehe ich viel „Active Wear“. Joga-Hosen von Lululemon. Jacken von Fjellraven. Sneaker von Nike und Adidas. Der Kaffee ist organic. Das iPhone immer zur Hand. Eigentlich wie im Schanzenviertel. Und trotzdem fühlt sich die Zukunft im Schatten der Hochhäuser ein Stückchen näher an. Der spitz zulaufende Freedom Tower und die riesigen Werbebildschirme am Times Square erinnern an Ridley Scotts Blade Runner. Eigentlich fehlen nur noch fliegende Autos. Selbstfahrende gibt es ja schon.

Unterwegs in NY

Erster Konferenztag

Am Mittwoch startete die Future of Storytelling Konferenz. Mit dem Boot ging es vom Battery Park auf die anderen Seite der Bucht nach Staten Island. Unser Ziel: Snug Harbour. Ein Campus aus mehreren Gebäuden, der vor hundert Jahren als Aufenthaltsort für ausländische Seeleute gebaut wurde und heute als Ausflugs- und Event-Location genutzt wird. Ein mystisch verfallener Ort, der selbst den meisten Konferenzteilnehmern aus New York unbekannt war.

Überfahrt zur Konferenz

Beim Check-in am Boot begrüßte mich ein Mann im Holzfällerhemd. Er hatte seine Baseballmütze tief ins Gesicht gezogen. Seine Augen waren hinter einer verspiegelten Piloten-Sonnenbrille versteckt. Er hatte ein Klemmbrett unter dem Arm und ein Megafon umgehängt und stellte sich als der Produktionsleiter des Films vor, der hier gedreht werde. Er dankte mir für meinen Einsatz als Statist. Ich solle mir mein Namensschild abholen, aufs Boot gehen und immer daran denken, mich ganz natürlich zu bewegen. Und wenn ich den weiblichen Star am Set sähe, dürfte ich ihr keinesfalls in die Augen sehen. Ein Filmstar? Ein Film? Ein Produzent?

Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu verstehen, dass ich Teil einer Theaterperformance war. Immer wieder im Laufe der Konferenz tauchte die Filmcrew auf und verwickelte die Teilnehmer in einen fiktiven Filmdreh, bei dem alles schiefgeht, weil sich der untalentierte Regisseur und seine egozentrischen Schauspieler nicht einigen konnten. Die Filmdreh-Story war aber nicht nur ein Unterhaltungselement. Die Schauspieler dirigierten die Teilnehmer so auf charmante Weise durchs Programm. „Wir drehen in 15 Minuten die Massenszene im Theater. Bitte jetzt alle an der Hauptbühne versammeln“ , rief der Produktionsleiter durch sein Megafone, als wir im Snug Habour ankamen.

Auf der Hauptbühne begrüßte uns der Veranstalter der Konferenz, Charles Melcher, und stellte das Programm der kommenden Tage vor. Das Konferenzprogramm bot Roundtable-Gespräche und Workshops mit Experten aus Marketing, Unterhaltung und Forschung. Daneben wurde Projekte vorgestellt, die Geschichten mit neuen Technologien erzählten.

Schon der erste Show-Case raubte mir den Atem. Gleich nachdem Melcher die Bühne verlassen hatte, erschien dort das lebensgroße Hologramm eines alten Mannes. Er saß in einem Sessel und stellte sich als Pinchas Gutter vor. Pinchas ist in Wirklichkeit über neunzig und hat den Holocaust im Warschauer Ghetto überlebt. 
Um seine Leidensgeschichte für die Nachwelt zu erhalten, hat ihn die Shoa-Foundation in 3D gefilmt und ihm hunderte Fragen gestellt. Seine Antworten sind dann von einer künstlichen Intelligenz und einem Spracherkennungsprogramm analysiert worden. Jetzt kann man dem Hologram Fragen über Pinchas Leben stellen. Über 20.000 Fragen versteht das Programm bereits. Auf eine gestellte Frage, findet der Computer die passende Antwort und lässt das Hologram antworten. So wird das Vermächtnis eines Holocaust-Überlebenden zu einem interaktiven Gespräch. Welche Frage würdest du ihm stellen?

Das interaktive Hologram von Pinchas

Nach diesem ersten Wow-Moment starteten die Roundtable-Gespräche. Ich besuchte die Session mit dem amerikanischen SciFi Autor Hugh Howey, der mit selbst-publizierten Romanen in den USA bekannt wurde. Zwei Romane pro Jahr, für zehn Jahre. Das ist die Mission, der er sich – im wahrsten Sinne des Wortes – verschrieben hat. Keine leicht Aufgabe, zumal für ihn ein Roman im digitalen Zeitalter nie wirklich fertig wird. Wenn ein Fan einen Handlungsfehler in einem abgeschlossenen Buch findet, hat Howards kein Problem damit, die Geschichte nachträglich zu ändern. Für ihn ist es wichtiger, sein Publikum in den kreativen Prozess einzubinden. Deshalb veröffentlicht er viele Geschichten als Serie. Er publiziert online zunächst ein oder zwei Kapitel eines Buches und sieht sich die Reaktion seiner Fans an. Erst dann folgt das nächste Kapitel. Das mache den Prozess für ihn spannender, weil er mit den Erwartungen der Fans spielen könne. Und es verringere das Risiko ein Buch zu schreiben, dass dann keiner Lesen wolle. Ich kannte Hugh vor dem Talk nicht und habe gleich eines seiner Bücher gekauft. Mal sehen, ob ich einen Fehler finde 😉

Beim zweiten Roundtable Gespräch des Tages war Joe Lewis der Gastgeber. Joe ist Head of Comedy bei Amazon Studios und ausführender Produzent von Serien wie Transparent und Mozart in the Jungle. Er diskutierte mit uns über die Zukunft des Fernsehens.

Für ihn sind horizontal erzählte Serien derzeit das erfolgreichste Medienformat. Serien wie Transparent, House of Cards oder Game of Thrones sind eigentlich 5-10 Stunden Filme. So werden sie geplant und produziert. Erst diese Länge erlaube eine Charaktertiefe, wie man sie vorher nur von Romanen kannte. Trotzdem brauche das Publikum die Untergliederung der Geschichte in Folgen. „Wenn wir jemandem einen fünfstündigen Film anbieten, wird er innerlich abschalten. Aber er hat kein Problem damit fünf Folgen hintereinander zu schauen, denn dann hat er das Gefühl selbst zu entscheiden, wie viel Zeit er investieren will.“

Obwohl Serien gerade im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen, stelle er sich mit seinem Team ständig die Frage, welchen Einfluss neue Technologien (wie Virtual Reality) auf die Bedürfnisse des Publikums haben. Gleichzeitig ist er sich sicher, dass es schlechte Unterhaltung wird, wenn ein Team aus einer Technologie und nicht aus einer Geschichte heraus denkt. Wer eine neue Technologie oder einen neuen Kanal als Ausgangspunkt für einen Inhalt nimmt, wird wahrscheinlich scheitern. Star Wars sei als Virtual Reality Produkt nur interessant, weil wir Geschichte kennen, die dieser Welt eine Bedeutung gibt.

Egal in welchem Medium, eine gute Story lebt von Charakteren und ihren Konflikten. Und jede neue Geschichte birgt das Risiko von Publikum abgelehnt zu werden. „Aber wenn es kein Risiko gibt, dann ist die Geschichte schon mal da gewesen“, sagt Joe. Das Gute an dem Geschäftsmodell Abodienst sei, dass Amazon mit einer Serie nie den Massengeschmack treffen müsse. Anders als ein TV-Sender, der Werbung verkauft. Eine Serie bei Amazon muss nicht jedem gefallen, solange sie genügend Leute dazu bewegt, ein Amazon Prime Abo abzuschließen. Aus dem gleichen Grund freut er sich auch, wenn eine Serie eine Mediendebatte auslöst. Denn am Ende geht es um Amazon Prime Konten. Denn wer ein Amazon Prime Abo hat, kauft mehr bei Amazon ein. Die Serien sind nicht nur ein Unterhaltungsangebot. Sie sind auch Werbung für die Marke Amazon.

Schon deshalb schließt Lewis Branded Content für Amazon Prime aus. Werbespots und Product Placement seien denkbar. Aber eine Marke als Co-Produzenten würde er nicht akzeptieren. Geld habe Amazon genug und sei deshalb erst in der Lage, Filmemachern einen besonderen Freiraum für ihre Ideen zu gewähren. Eine Marke bringt zu viel Eigeninteresse in die Geschichte. Und wenn eine Marke bereit sei, viel Geld in gute Inhalte zu investieren, dann könne sie ihre Inhalte heute auch selbst produzieren und online verbreiten.

Es ist gleich, wer der Absender ist, eine gute Geschichte zu erzählen, bleibt eine Kunst. Dabei helfen Daten, so Lewis, bei weitem nicht so sehr, wie viele Leute glauben. Amazon testet natürlich neue Formate im Vorfeld aus. Sie produzieren Pilotfolgen, stellen sie online und messen dann, wie viele Leute den Piloten angefangen haben und wie viele die Pilotfolge zu Ende sehen. Einen Bezug zum Kaufverhalten von Amazonkunden stellen die Produzenten nicht her. Statt auf das Kaufverhalten, konzentriere man sich lieber auf Geschichten, die noch nicht erzählt worden sind. Auf Protagonisten, die sich einer nie gesehenen Herausforderung stellen müssen.

Wo wir gerade bei Herausforderungen sind: Die größte Herausforderung des ersten Konferenztages hat mich beim Workshop mit dem Künstlerkollektiv B.E.A.T erwartet. B.E.A.T steht für „Bridging Art and Technology Together“. Angefangen als HipHop und Beatboxing Truppe nutzen die New Yorker ihr Können für Workshops in Schulen und zunehmend auch in Unternehmen. Ihr Thema: Mit Musik und Theater den Glauben an die eigene Kreativität stärken.

B.E.A.T Workshop

Und ich sage euch: In einer Gruppe von Fremden die Grundtöne des Beatboxens zu üben, hat mich ganz schön aus der Komfortzone geschubst. BOOM.Boom.Tsk.Boom.Tsk.Tsk.Boom. 
Ich musste sofort an meinen Musiklehrer aus der dritten Klasse denken. Der hat meinen Eltern mitgeteilt, ich hätte kein Gefühl für Rhythmus. Diese vernichtende Kritik betrachte ich nach dem Workshop übrigens als widerlegt. Zumindest teilweise.

Doch es ging in dem Workshop nicht nur um Beatboxen. Die Truppe spielte mit uns mehrere Übungen durch, um die kreative Zuversicht einer Gruppe zu steigern. In Erinnerung geblieben sind mir zwei Kreativ-Techniken: Spotlight und die schnellste Theaterklasse der Welt.

Keys to Storytelling Workshop Technik

Bei Spotlight geht es darum, jedem Teilnehmer einer Gruppe genau vierzig Sekunden Zeit im Rampenlicht zu geben. Für diesen kurzen Moment bekommt ein Teilnehmer die Bühne und die volle Aufmerksamkeit der Anderen. Es gibt keinen weiteren Auftrag. Wer im Rampenlicht steht, darf tun oder erzählen was er möchte. Auch schweigen, wenn ihm danach ist. Das Publikum darf weder kommentieren noch sich abwenden. Eine tolle Übung, um zum Beispiel in einem Workshop eine Kultur des Zuhörens zu etablieren.

Bei der schnellsten Theaterklasse der Welt folgt eine Gruppe den „Keys to Storytelling“ (siehe Foto rechts), um in 30 Minuten ein kleines Theaterstück zu entwickeln und vorzuführen. Ich möchte diese kurzweilige Technik auf jeden Fall ausprobieren, um mit einer Gruppe über TV-Spots nachzudenken. Vor allem habe ich aus dem Workshop mitgenommen, mich immer wieder daran zu erinnern, wie wichtig Musik und Geräusche für das Erzählen sind.

Mit Musik endete auch der erste Tag. Genauer gesagt mit einem Konzert von Shimon und seiner Band. Shimon ist der erste Roboter, der Jazz zusammen mit anderen Musikern improvisieren kann. Gespeist mit dem Repertoire der besten Jazz-Künstler und ausgerüstet mit Deep-Learning-Algorithmen hört Shimon den Musikern zu und spielt spontan mit. Nach seinem Konzert brachte uns ein Bus zurück nach Manhatten. Inspiriert und todmüde fiel ich ins Bett.

Der zweite Konferenztag

Der zweite Tag began an der Hauptbühne mit einem kollektiven Virtual Reality Erlebnis. Jeder Teilnehmer bekam eine Google-Cardboard Virtual Reality Brille und loggte sich auf eine Webseite ein. Diese Webseite übersetze die auf der Bühne gespielte Live-Musik in Echtzeit in eine drei dimensionale Weltraumfahrt. So muss sich LSD zum Frühstück anfühlen…

Anschließend starte die „FOST for Good“-Session. Die Teilnehmer kamen in Gruppen zusammen, um für neunzig Minuten an dem Story-Problem einer wohltätigen Organisation zu arbeiten. Ich half bei einer Kommunikationsstrategie für WaterAid Amerika mit. Dem NGO fehlt es Markenbekanntheit, um Spenden für Projekte zu gewinnen. Besonders schön an dieser Aktion ist, dass es für jedes Projekt eine Agentur und einen Finanzsponsor gibt. Sie kümmern sich darum, die entstandenen Ideen weiterzuentwickeln und vielleicht sogar umzusetzen.

Den Nachmittag verbrachte ich mit Gesprächen auf dem Campus und einem Besuch der Story-Arcade. Diese Ausstellung stellte Storytelling-Prototypen vor, die auf neue Technologien setzen. Ich konnte einen Blick auf das Jungle-Projekt von Disney Research werfen. Eine Online-Plattform mit der Kinder gemeinsam Geschichten schreiben können. Ich habe einen Flipper-Automat ausprobiert, dessen Level man mit Stiften selbst malen kann und ein Spiel getestet, dass über die Mimik gesteuert wird.

VR-Expo

Mein Höhepunkt des zweiten Tages war allerdings der Workshop mit Lance Weiler.
Lance Weiler ist Drehbuchautor und Leiter des Digital Storytelling Lab der Colombia Universität. Unter seiner Anleitung haben wir den Papier-Prototypen eines Spiels ausprobiert, das im Digital Storytelling Lab entwickelt wurde, um zu verstehen, wie Gruppen kollektiv Geschichten entwickeln.

Der Titel des Spiels: Sherlock Holmes and the Internet of Things. Und das funktioniert so: Als Gruppe schlüpften wir in die Rolle von Sherlock Holmes und mussten aus Hinweisen, die uns andere Spieler gaben, die Geschichte eines Mordfalls rekonstruieren. Aus diesem Spiel haben die Forscher Erkenntnisse abgeleitet, wie Menschen einfacher in kreative Prozesse einsteigen können. Beim Spielen wird zum Beispiel deutlich, dass es viel einfacher ist, eine Geschichte aus verschiedenen Fragmenten zusammenzusetzen, als sich eine lineare Erzählung auf dem weißen Papier auszudenken.

Mittlerweile sind aus dem Papier-Prototypen weitere Projekte entstanden. Unter anderem eine Kooperation mit IBM. IBM stellt für eine Variante des Spiels ihren Supercomputer Watson zur Verfügung, um eine künstliche Intelligenz in den Spielablauf zu integrieren. Per Sprachsteuerung wird sich Watson am Telefon eines Spielers als Scotland Yard ausgeben und so den Spielern weitere Hinweise zustecken. Innovationen starten manchmal mit einem kleinen Experiment auf Papier. Das Projekt ist übrigens ein Open-Source Projekt. Auf dieser Seite sind alle Informationen zu finden: http://2016.sherlockholmes.io

Paper-Prototype Spiel „Sherlock and the Internet of Things“

Einen Tag später besucht ich noch die Ausstellung des parallel stattfindenden FOST Festivals. Dort warfen mehr als siebzig Exponate einen weiteren Blick auf die Zukunft des Storytelling.

Google zeigte mit Pearl eine wunderschöne neue Geschichten für ihre Spotlight Stories App . Bei dem Vitual Reality-Erlebnis „Flock of Birds“ verwandelte ich mich in einen Vogel. In einer virtuellen Welt ohne Boden unter den Füßen fing ich als Vogel kleine Insekten in einem traumähnlichen Wald aus bunten Poligonen. Beim Spacewalk VR-Experience der BBC habe ich die ISS als Astronaut besucht und ein Sonnensegel der Station repariert. 
Selbst wenn es nur eine Projektion war. Die Erde von oben sehen, ist ein überwältigender Anblick. So müssen sich die Menschen im 18. Jahrhundert gefühlt haben, als sie zum ersten Mal ein Panorama betraten und einen Rundumblick auf eine orientalische Stadt erlebten. Damals waren es ferne Länder, die den Atem raubten. Heute ist es das Weltall.

Das eindrucksvollste Virtual-Reality Erlebnis war allerdings StarTrek Bridge Crew VR. Hier schlüpfen bis zu vier Spieler in die Rolle von unterschiedlichen Brücken-Offizieren eines Star Trek Raumschiffs. Gemeinsam müssen sie im virtuellen Raum interagieren und zusammen das Raumschiff steuern. Die Grafik ist weit entfernt von Fotorealismus. Es ist vielmehr die soziale Interaktion zwischen den Spielern, die die Grenze zwischen Realität und Virtualität sofort verwischen lässt. Noch dazu ist es ziemlich cool, an sich herabzusehen und plötzlich eine Uniform über einem gestählten Oberkörper zu erblicken.

Vor der Konferenz habe ich VR und Artificial Intelligence als noch Spielerei abgetan. Jetzt nicht mehr. Beides wird unsere Medien- und Arbeitswelt weit schneller verändern wird, als ich vorher dachte. Warum ich mir da so sicher bin? 1880 erleuchteten erstmals tausende Glühbirnen die Weltausstellung in Chicago. Vorher waren die Nächte dunkel gewesen. Nur von Kerzenschein oder vielleicht einer Gaslampe erleuchtet. Die elektrischen Lichter in Chicago waren ein technisches Wunder. Ein Spektakel, allein zur Unterhaltung. Bald darauf erleuchteten Glühbirnen die ersten Häuser. Dann die ersten Fabriken, die bald die ersten Nachtschichten eingeführten. Die Zukunft ist schon da. Sie ist nur noch nicht ausgeliefert.

FoST Playground

Eine besondere Erfahrung von künstlicher Realität habe ich ganz ohne Technologie gemacht. Während ich über das Ausstellungsgelände lief, sprach mich plötzlich eine geheimnisvolle Frau in einem goldenen zwanziger-Jahre Kleid an. Sie bat mich, ihr in einen Raum zu folgen. So landete ich in einem Zimmer, das ebenfalls wie in den zwanziger Jahren eingerichtet war. Sie zeigte auf ein Grammophon in der Ecke. Ich solle es anzukurbeln. Ich drehte die Kurbel und mir war klar: Ich war schon wieder in einem Theaterstück gelandet. In einem Theaterstück in dem ich der einzige Zuschauer und der einzige Mitspieler war. Plötzlich sprang das Grammophon an. Kratzige Jazzmusik setzte ein. Die Frau begann zu schluchzen.

Mit gebrochener Stimme erzählte sie mir, dass ihr Filmvertrag gekündigt worden sei. Alle Welt wolle nur noch Tonfilme sehen. „Alles ist vorbei“, sagte sie, ging zu einer kleinen Hausbar, goss sich einen Whiskey ein und kippte ihn mit einem Zug runter. Dann ließ das Glas fallen und bat mich um einen Tanz. Ich tanzte ein paar Schritte mit ihr. Sie legte den Kopf auf meine Schulter. Obwohl nichts an dieser Situation echt war, spürte ich den Schmerz, nicht mehr gebraucht zu werden. Spürte ich die Angst, von einer neuer Technik verdrängt zu werden. Als ich dann noch eine Träne in ihrem Auge sah, war ich mir der Realität wirklich nicht mehr sicher. Ein sehr, sehr seltsames Gefühl.

Aber auch ein beruhigendes. Denn auch wenn sich die Technik in Zukunft rasend schnell verändert. Wir Menschen tun es nicht. Wenn uns eine Geschichte berührt, bleibt sie in Erinnerung.

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