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Von tiefen Löchern und vergifteten Pfeilen: 
Warum es oft nicht hilft, nach dem ,Warum‘ zu fragen.

Kurzgefasst: Wenn überraschende Probleme auftreten, kommt bei mir automatisch die Frage nach dem „Warum“. Warum eigentlich? Immer wieder habe ich eine ganz andere Erfahrung gemacht: Wenn ein kompliziertes Problem zu lösen ist, hilft es oft gerade nicht, nach dem ,Warum zu fragen. Besonders dann nicht, wenn sich das Ego von dem Problem angekratzt fühlt. Eine kleine Selbst-Reflexion. Lesezeit ca. 6min. 

Neulich irgendwo in Deutschland

Die Verkaufszahlen gehen runter. Daran gibt es keinen Zweifel. Der Graph auf dem Bildschirm zeigt eindeutig bergab. Und das, obwohl so viel Geld in die Werbung fließt.
„Wie kann das sein? Kann mir bitte einer erklären, warum das so ist?“, sagt der CMO entsetzt und die Bereichsleiter machen sich auf Spurensuche. Sie tragen die Frage in ihre Teams. Sie fordern Antworten. Die ganze Marketingabteilung beginnt, nach den Gründen für die sinkenden Absatzzahlen zu suchen.

Es werden Daten gesichtet. Graphen gezeichnet. Pivot-Tabellen erstellt und Folien gebaut. Eine Task-Force wird gebildet. Es gibt Krisenmeetings. Die Werbeagentur wird einberufen. Es werden Thesen gesammelt und diskutiert. Ist das Media-Budget zu klein? Ist der Produktlebens-Zyklus überschritten? Ist der Preis zu niedrig oder etwa zu hoch? Wirken die Werbespots überhaupt? Gab es Fehler in der Marktforschung? Ist die Konkurrenz lauter? Ihr Produkt attraktiver? Ist der Markt in einer Krise?

Leider sind die Daten nicht eindeutig. Aber es muss doch einen Grund geben. Irgendwer muss doch Schuld sein. Die Agentur weist alle Fehler von sich. Das Online-Marketing ist überzeugt, dass viel zu viel Budget in die Fernsehwerbung fließt. Der Markenleiter sieht das Problem im Produkt. Und die Produktverantwortlichen geben dem Markt die Schuld. Der CMO wird ungehalten. Der CEO ungeduldig. Niemand will mehr hören, dass die Antwort kompliziert sei. Wenn man doch nur bessere Daten hätte. Eine Beratung wird engagiert. Und dann eine Weitere. Mittlerweile ist die ganze Firma damit beschäftigt, den den Fehler zu finden. Der Flurfunk kennt kein anderes Thema mehr. Die Stimmung ist im Keller. Und die Verkaufszahlen sinken weiter.

Dabei ist es gar nicht so wichtig, warum genau die Verkaufszahlen sinken. Viel wichtiger ist, etwas dagegen zu tun. „Wie ändern wir die Situation? Was können wir jetzt tun, um die Verkäufe wieder anzukurbeln?“ Das sind die Fragen, die Handlungsoptionen eröffnen.

Die Frage nach dem Warum. Warum eigentlich?

Ok, die Geschichte ist erfunden. Ich habe sie mir ausgedacht, um eine Beobachtung zu illustrieren:  Wenn ein überraschendes Problem auftritt, dann hilft es oft gerade nicht, nach dem „Warum“ zu fragen

Egal ob im Projekt oder beim Reparieren der Gartenmöbel – bei unerwarteten Hindernissen, ist mein erster Impuls, der Sache auf den Grund gehen zu wollen. Verdammt! Warum funktioniert das nicht wie erwartet, frage ich mich. Dahinter steht, glaube ich, folgende Annahme: „Wenn ich erst den Grund oder den Schuldigen für das Problem gefunden habe, dann kann ich das Problem schnell und einfach abstellen.“  Bei einer kaputten Maschine muss man ja auch nur das defekte Teil finden und austauschen. Dann läuft sie wieder.

Ganz davon abgesehen, dass es auch bei Maschinen oft nicht so einfach ist, haben besonders nicht technische Probleme selten nur einen Grund oder nur einen Schuldigen:
Was ist der Grund für sinkende Verkaufszahlen?
Was ist der Grund für ein stockendes Projekt?
Wer ist schuld für die schleppende Digitalisierungsstrategie?
Warum läuft die Kampagne nicht so, wie erwartet?

Gar nicht so leicht, zu beantworten. Denn die bittere Wahrheit lautet: Das Leben ist  kompliziert. Und genau weil es kompliziert ist, droht die Frage nach dem Warum so schnell ins Unendliche auszuufern.

„Wenn Du im Loch sitzt, hör auf zu graben“

Eine alte Weisheit sagt: „Wenn Du im Loch sitzt, hör auf zu graben“. Die Lösung eines Problems beginnt damit, die Situation hinzunehmen und nach Auswegen zu suchen. Anstatt die Sache immer schlimmer zu machen.

Leichter gesagt, als getan. Ein überraschendes Problem zu akzeptieren, fällt nicht leicht. Schließlich gab es einen Plan. Und genau diesen Plan stellt die Welt jetzt in Frage. Aber warum?

Wenn ich in diesen Situationen nach dem „Warum“ frage, dann stelle ich mir diese Frage meist nicht mit der kindlichen Neugier eines Forschers, der herausfinden möchte, wie die Welt funktioniert. Ich stelle die Frage im ersten Moment vor allem aus Eitelkeit. Mein Ego ist zutiefst empört, weil sich die Welt gerade nicht so verhält, wie erwartet. Das unerwartete Problem stellt, meinen Plan, meine Ideen, sogar meine Kompetenz in Frage. Es raubt das Gefühl von Kontrolle. Also schnell die Vergangenheit durchsuchen, um im besten Fall einen Fehler zu finden, für den ich nichts konnte.

Und dabei lässt sich das Ego gerne von all den Daten und Informationen verführen, die ich heute zur Verfügung habe. Schließlich verspricht mehr Wissen auch mehr Kontrolle über die Welt. Pustekuchen. Jeder neue Datensatz, jede neue Information birgt auch die Gefahr, sich im Analysieren zu verheddern. Statt zu handeln.

Neulich in Hamburg

Genau in diese Falle hat mich mein eigenes Ego vor kurzem tappen lassen. Mal wieder.
Ich hatte bereits vier Tage in einen Vortrag investiert und war mir meines Konzeptes sehr, sehr sicher gewesen. Doch als ich eines Abends mit meiner Frau über den Vortrag sprach, wurde mir schnell klar:  Die ganze Sache funktioniert nicht. Der Flow fehlte. Das Thema war irgendwie unklar.

Aber warum, fragte mein Ego sofort. Wie kann es sein, dass ich einen Vortrag vorbereite, der keinen Flow hat. Ich! Anderen mag das ja passieren. Aber mir!
Volle zwei Tage habe ich, von Selbstzweifeln getrieben, weitergegraben. Warum fehlt der Flow? Warum ist das Thema unklar? Ich dachte nach. Ich wälzte Literatur. Doch die rieb mir nur noch mehr Unzulänglichkeiten unter die Nase. Je länger ich suchte, desto mehr Gründe fand ich, warum mein Vortrag nicht funktionierte. Doch keiner der Gründe brachte mich auch nur einen Schritt näher zur Lösung. Und der Vortragstermin rückte unaufhaltsam näher.

Irgendwann kam der rettende Gedanke. Das bringt doch alles nichts, sagte ich mir. Ist doch Egal, warum dieser Vortrag nicht klappt. Er klappt halt nicht. Was kann ich stattdessen tun, dass mir und den Zuhörern Spaß macht. Und in der Sekunde, in der ich das alte Konzept loslassen konnte, konnte ich weiterarbeiten. Ich startete von vorne. Ich warf die Folien in den virtuellen Papierkorb und baute einen neuen Vortrag. Und der kam gut an.

Wenn dich ein vergifteter Pfeil trifft…

Es gibt für solche Situationen auch ein schönes Bild aus dem Buddhismus, das den Reden des Buddha zugeschrieben wird: Ein Mann, der von einem vergifteten Pfeil getroffen wird, hat wenig davon, die Behandlung zu verweigern, um herauszufinden, wer ihn angeschossen hat und warum. Zuerst ist es wichtiger, sich um das Gift zu kümmern. Danach ist immer noch genügend Zeit, die Hintergründe zu verstehen.
Denn die Frage nach dem „Warum“ ist wichtig und richtig. Zur richtigen Zeit gestellt, hilft sie komplexe Zusammenhänge zu verstehen und daraus zu lernen. Doch wer sie stellt, weil das Ego gerade nicht akzeptieren kann, dass es die Welt nicht kontrolliert, der droht in der Vergangenheit stecken zu bleiben. Der gräbt sich immer tiefer ins Loch. Oder stirbt an einem vergifteten Pfeil.


Beitragsfoto von Tim Gouw.

#ReflectionStories
Ich hatte nicht vor diesen Gedanken zu teilen. Am Anfang dieses Posts stand eine kleine, selbst-reflektive Schreib-Übung: Schreib zwanzig Minuten über ein Thema zu schreiben, das dich gerade beschäftigt. Dabei entstand die kleine Geschichte vom Anfang. Je länger ich über die Geschichte nachdachte, desto mehr fand ich sie teilenswert. Nur weiß ich nicht, ob ihr das auch so seht. Wollt ihr mehr solche Posts lesen? Oder verbuchen und vergessen wir diesen Post lieber als einen „egozentrischer Rülpser“?  Freue mich auf Feedback und Kommentare.

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