Große Transformationen brauchen einen Nordstern, um zu gelingen. Ein Narrativ, hinter dem sich alle versammeln. Eine Vision, die dem Handeln eine Richtung gibt, einen Sinn.

Mein Storyteller-Ich stimmt da sofort zu. Es hilft jeder Organisation, klar formulieren und erzählen zu können, wo man hinwill. Egal, ob wir von Nordstern, Vision oder BHAG sprechen.

Gleichzeitig lässt mich eine Frage nicht los: Wann ist der richtige Moment, diesen Nordstern zu finden?

Meistens kommt das Thema auf, wenn die Zeiten stürmisch werden.
Wenn die Zahlen wackeln, neue Technologien das Spiel verändern oder die wirtschaftliche Stimmung kippt, ruft jemand nach dem großen Bild. „Wir brauchen einen neuen Nordstern, um uns auszurichten.“

Aber ist die Krise wirklich der Moment dafür?

Die Nordstern-Logik geht davon aus, dass eine gemeinsame Zielvorstellung den Weg und die Mittel bestimmt. Ich male mir aus, wo ich in zehn Jahren stehen will, und plane von dort zurück. Das funktioniert wunderbar, solange die Welt halbwegs berechenbar ist.

Krisenzeiten sind das Gegenteil. Sie sind unübersichtlich und unvorhersehbar. Und ausgerechnet darauf versucht man mit einer möglichst unverrückbaren Zielvorstellung zu antworten.

Dazu kommt noch eine stille Gefahr: Viele Teams verbinden Nordstern, Vision und Why, meist unbewusst, mit einem magischen Versprechen: Haben wir erst den wahren Kern gefunden, läuft der Rest von allein. Nur leider hat die Suche nach einem wahren Kern kein natürliches Ende. Man kann hundert Workshops machen und nach der perfekten Formulierung suchen. Ob der Nordstern trägt, sagt am Ende nur der Markt. Und während man gräbt, bleiben drängende Herausforderungen liegen, das Sales-Thema, die KI-Frage, der Kunde, der gerade abspringt.

Im schlimmsten Fall ist es wie auf dem Bild: Der Kapitän sucht den Nordstern, während hinter ihm das Schiff auseinanderbricht. Aber was ist die Alternative?

Die Effectuation-Theorie unternehmerischen Handelns beschreibt einen anderen Weg: Bei hoher Unsicherheit dreht man den Blick um und fokussiert das Handeln, nicht das Ziel. Man startet mit dem, was da ist, mit dem, was man beeinflussen kann, und das Ziel schärft sich im Tun.

Die Ausrichtung geht dabei nicht verloren. Sie entsteht nur anders. Nicht aus dem Zielbild heraus, sondern aus dem Schritt, der auf den nächsten verweist. Wer handelt, sieht schneller klar als der, der grübelt und an Zielbildern und Masterplänen tüftelt.

Die Arbeit am Nordstern ist vor allem eine Frage des Timings. Im ruhigen Fahrwasser ist Raum für das große Bild. Wenn alles wackelt, ist der andere Modus dran: Dann heißt es die großen Visionen loszulassen, in der Realität bleiben, anzunehmen was da ist, und das Beste daraus zu machen, bis das Wasser wieder ruhig genug ist für einen neuen Nordstern. Und wer weiß, vielleicht ist sie dann schon da.