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Die Story-Pyramide: Ein grundlegendes Strukturprinzip klarer Erzählungen

By 20. September 2021No Comments

„Der rote Faden fehlt.“ 

Diesen Satz höre ich in Erstgesprächen oft, wenn Führungskräfte über ihre Strategie, Produktvision oder Marke sprechen.

Die Metapher beschreibt das Problem treffend: Ohne den sprichwörtlichen roten Faden – also die kausale Verknüpfung der Informationen und Ereignisse – verirren sich Teams und Investoren schnell in einem Labyrinth von Aussagen, Zahlen, Daten und Fakten.

Gleichzeitig ist der „rote Faden“ eine unpraktische Metapher, wenn es darum geht, komplexe strategische Themen inhaltlich zu strukturieren und erzählbar zu machen. Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Story-Entwicklung deutlich einfacher wird, wenn ich mir Geschichten nicht als Faden, sondern als Pyramide vorstelle.

In diesem Beitrag möchte ich versuchen, das zu erklären.

Wir erleben Geschichten linear

Anfang. Mitte. Ende. Als Publikum nehmen wir Kommunikation eigentlich immer als lineare Abfolge von Ereignissen und Informationen wahr. Dabei erleben wir die Inhalte entweder als logisch verknüpft (also „mit einem roten Faden“) oder als unzusammenhängend (also „ohne roten Faden“).

Lineare Wahrnehmung einer StoryAus diesem Erleben heraus, liegt die Vermutung nahe, dass ein Erzähler lediglich die Teile einer Geschichte in die richtige Reihenfolge bringen muss, um den besagten roten Faden abzuliefern. Doch so einfach funktioniert das nicht.

Ich habe mehrfach Teams erlebt, deren Pitch-Präsentation einfach kein rundes Bild ergeben hat, egal in welcher Reihenfolge die Folien angeordnet wurden. Es gibt Texte, die werden nicht besser, egal wie oft man die Absätze verschiebt oder die Sätze kürzt. Auch so mancher Film bleibt verworren, egal wie viele Schnittfassungen es gibt.

In diesen Fällen liegt das Problem eine Ebene höher: auf der Konzeptebene der Geschichte. Ist die grundsätzliche Aussage und Struktur einer Story unklar, lässt sich diese Unklarheit eben nicht lösen, indem man an der Anordnung der Details dreht. Paradoxerweise muss man sich von der linearen Betrachtung („dem roten Faden“) abwenden, um den roten Faden wiederzufinden.

Strukturell betrachtet, sind Geschichten Gedanken-Pyramiden

Ich bin dazu übergegangen jegliche Form von Geschichte vor dem inneren Auge als Pyramide zu betrachten. Diese Story-Pyramide fächert sich von einem einfachen, zentralen Gedanken an der Spitze in die Details auf.

Die Idee der Pyramide stammt übrigens nicht von mir, sondern von der Kommunikations-Expertin Barbara Minto. Minto hat sich intensiv mit der schriftlichen Vermittlung von komplexen Business-Inhalten beschäftigt. In ihrem Buch „The Pyramide Principle“ stellt sie dar, wie sich Sach-Argumentationen als gedankliche Pyramide strukturieren lassen, um sie anschließend leicht verständlich aufzuschreiben.

Perfekt für Sach-Argumentationen: Die Minto-Pyramide


Die Minto-Pyramide nutzt eine kurze Story an ihrer Spitze, um in eine strukturierte Sach-Argumentation einzusteigen. Diese Intro-Story beschreibt die Ausgangssituation, sowie die durch diese Situation ausgelösten Komplikationen. Auf dieser Basis wird eine zentrale Fragestellung formuliert, auf die nun klare Antworten gegeben werden.

Der Charme der Minto-Pyramide liegt darin, dass sie sich auf die Antworten fokussiert und diese mit Argumenten und Daten unterfüttert.

Damit unterscheidet sich die Pyramide von der eher wissenschaftlichen und in der Schule gelernten Erkenntnispyramide. Die funktioniert nämlich genau anders herum: Die Erkenntnispyramide beschreibt erst das Problem, dann den Erkenntnisprozess und formuliert erst zum Ende ein Ergebnis.

Problem. Analyse. Ergebnis. So wichtig dieser Ablauf bei der Erkenntnisgewinnung ist, für Zuhörer ist die Nacherzählung des Erkenntnisweges schlichtweg ermüdend. Ein Publikum will nicht alles wissen, was es zu einem Thema zu wissen gibt, sondern nur, was für sie wirklich relevant ist. Trotzdem passiert es Forschern und Strategen schnell in dieses Argumentationsmuster zu rutschen: Voller Faszination über den Erkenntnisprozess und die genutzten Methoden wollen sie diese ausführlich präsentieren und sparen sich die Antworten, die ihr Publikum hören will, für das Ende auf.

Die Lösung, die Minto hier vorschlägt, ist einfach: Wer anderen Sach-Informationen verständlich machen will, muss die Erkenntnispyramide gedanklich umkehren. Erst die Antworten liefern, dann die Argumente und den Weg zu diesen Antworten zeigen. Das folgende Video macht diesen Weg am Beispiel von Beratungs-Präsentationen gut greifbar:

Die Pyramiden-Struktur für emotionales Storytelling

Allerdings habe ich mit der Minto-Pyramide ein Problem. Sie ist allein auf Sach-Themen fokussiert. Damit lässt Minto wenig Raum für die größte Stärke des Storytellings: Die emotionale Wirkung einer Geschichte, die sich direkt auf die Aufnahmebereitschaft und Handlungsbereitschaft einer Zuhörerschaft auswirkt.

Ich glaube, auch das emotionale Erzählen folgt einem Pyramiden-Prinzip. Nahezu alle Lehrbücher zum Storytelling, die ich gelesen habe, empfehlen Geschichten aus einem zentralen Gedanken heraus zu entwickeln. Eigentlich nur aus Neugier habe ich die Pyramiden-Metapher irgendwann mal auf eine Filmerzählung übertragen. Dabei ist die folgende Pyramide entstanden.

Diese Pyramide teilt eine Story in vier Konzept-Ebenen, die sich von oben nach unten auffächern. Die oberen Ebenen (Framing und Story) definieren die Grundausrichtung der Erzählung. Die unteren beiden Ebenen die Details der Story.

Stufe 1: Framing
Auf der obersten Konzeptebene muss jeder Drehbuch-Autor entscheiden, welches Publikum er mit seiner Geschichte erreichen möchte und um welches Thema, sich die Story drehen wird. Der einfachste Weg sich dem Thema anzunähern, ist, sich zu fragen: Worum geht’s in einem Wort? Liebe, Freundschaft, Wachstum. Die Entscheidungen für ein Publikum und ein Thema rahmen die weitere Story-Entwicklung.

Stufe 2: Story
Auf dieser Ebene wird die Essenz der Geschichte definiert. Die sogenannte Logline dampft die Geschichte auf einen Satz zusammen. In meinen Workshops gehe ich sogar noch weiter und fordere dazu auf, die Geschichte auf sechs Worte zusammenzufassen. Die Storyline beschreibt in wenigen Sätzen den Ablauf der Geschichte. Hier geht es darum die zentrale Veränderung deutlich zu machen, von der die Geschichte erzählt. 

Stufe 3 Plot
Auf dieser Stufe beginnt die lineare Detail-Ausarbeitung der Story – also die Arbeit an dem roten Faden. Der Plot (die Handlung) wird beim Film durch das Drehbuch auf 90-120 Seiten definiert. Entlang der Hauptereignisse der Erzählung wird die Storyline in Anfang, Mitte und Ende aufgefaltet. Die meisten Filme folgen hier einer Drei-Akt-Struktur. Akt 1 erzählt die Ausgangssituation. Akt 2 stellt den Helden vor einen zu lösenden Konflikt. Akt 3 berichtet vom Erfolg oder dem Scheitern der handelnden Personen.

Stufe 4 Editing
Jeder Akt einer Filmerzählung lässt sich in weitere, kleinere Einheiten herunterbrechen. Beim Film unterscheidet man grob in Sequenzen, Szenen und Beats. Sequenzen bestehen aus etwa drei inhaltlich verbundenen Szenen. Szenen bestehen wiederum aus einzelnen Beats. Diese Beats sind die kleinste Einheit einer Filmerzählung und beschreiben einzelne Handlungen. Die wirkungsvolle Anordnung dieser Einheiten versucht ein Drehbuchautor vorzudenken. Doch beim Film entsteht die finale Komposition erst im Schneideraum.

Mehr zu Sequenzen, Szenen und Beats erfährst Du in diesem kurzen Blogpost:

Überträgt man die vierte Ebene auf andere Medien, werden schnell ähnliche Strukturierungen sichtbar. Eine Präsentation lässt sich in Kapitel (-> Sequenzen) teilen, jedes Kapitel (-> Szene) besteht aus einer Anzahl an Folien, jede Folie besteht aus Argumenten, Aussagen oder Datenpunkte (-> Beats). Vor diesem Hintergrund wird auch sichtbar, warum es auch in anderen Medien nicht hilft auf der vierten Ebene zu optimieren, wenn die Spitze der Pyramide nicht funktioniert.

Die Pyramide in Aktion

Ich nutze diese Story-Pyramide für mich und in Workshops, um Inhalte zu strukturieren und auszuarbeiten. Dabei habe ich festgestellt, dass diese Story-Pyramide für nahezu jede Form von Erzählung funktioniert: vom Film-Script bis zur Strategiepräsentation.

Ich gehe mittlerweile so weit, die Pyramide als grundlegendes Strukturprinzip für Erzählungen zu propagieren. Eine Erzählung vor dem inneren Auge als Pyramide zu betrachten, hilft mir, den Blick zunächst auf die konzeptionellen Zusammenhänge – die Spitze der Pyramide – zu richten, bevor ich in die Details einsteige.

Zudem gelingt es Teams über die Pyramiden-Metapher deutlich schneller, gemeinsam Inhalte auszuarbeiten.

Mit der Pyramide vor Augen arbeiten sich Teams aus dem Grundverständnis der Erzählung in die Details vor. Im ersten Schritt muss sich ein Team, das an einer Story arbeitet, „nur“ auf die Spitze der Pyramide einigen. Sobald Publikum und Thema klar sind, geht man mit diesem inhaltlichen Alignment eine Ebene tiefer.

Gerade das Topmanagement profitiert von der Klarheit auf der Pyramidenspitze. Wer z.b. eine strategische Initiative auf ein Thema verorten und in einem Satz (der Logline) zusammenfassen kann, kommuniziert automatisch mit höherer Klarheit.
Siehe dazu auch diesen Blogpost: Worum geht’s in einem Wort.

Natürlich braucht es etwas Zeit und Übung, Inhalte „pyramidisch“ zu betrachten. Doch sobald man dieses Strukturprinzip verinnerlicht hat, werden rote Fäden sofort sichtbarer. Das erleichtert die Arbeit an jeder Form von Story – führt aber leider auch dazu, Filmhandlungen deutlich schneller zu durchschauen, weil deren Konstruktionsprinzipien sichtbar werden.

Christian_Riedel

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